Zwei Zuhause

Die Überraschung ist gelungen.

Meine Enkeltochter hat morgen Geburtstag und ich hatte schon im Juli einen Flug nach Deutschland gebucht. Heimlich. Mein Sohn wusste nichts davon, die Kleine natürlich auch nicht. Am Freitag hat mich meine Freundin vom Flughafen abgeholt, wir haben zusammen gefrühstückt und ich bin dann kurz vor 12:00 Uhr zum Kindergarten gelaufen. Die Kleine war völlig baff und ist sofort auf meinen Schoß geklettert. Und wollte nicht mehr runter. Dann haben wir auf meinen Sohn gewartet. Hat sich gelohnt 😉

Seitdem genieße ich meine Tage hier. Ich verbringe Zeit auf dem Spielplatz, liege mit meiner Enkeltochter eingekuschelt unter einer Decke und lese ihr vor, mache ausgedehnte Spaziergänge mit meiner Freundin, war bei Freunden eingeladen und sonntags im Gottesdienst. Wir haben Pommes und Burger im neuen McDonald’s gegessen, der gerade in unserer Stadt eröffnet hat, waren in Oberkirch und Offenburg bummeln und morgen wird Geburtstag gefeiert.

Eigentlich alles genau so, wie ich es mir vorgestellt habe. Alles ganz wunderbar. Und trotzdem bin ich ein bisschen zerrissen zwischen meinen zwei Welten.

Während wir morgen hier Kindergeburtstag feiern, feiert meine Nachbarin auf Sardinien ihren Geburtstag. Sie hat die ganze Straße eingeladen und natürlich auch uns. Mein Mann wird hingehen. Und während ich hier mit meiner Familie am Geburtstagstisch sitze, sitzen dort wahrscheinlich unsere Nachbarn und Freunde zusammen, essen, trinken, lachen und reden durcheinander. Und ich wäre irgendwie gerne bei beidem dabei. Denn ich bin wirklich gerne hier. Bei meinen Kindern, meiner Enkeltochter, meinen Freunden. In den Straßen und Orten, die mir so vertraut sind.

Aber auf Sardinien sind mein Mann und mein Hund. Unsere Freunde dort. Unser Haus. Das Meer. Mein Alltag, der in den letzten Jahren eben auch zu meinem Leben geworden ist. Wo mir mittlerweile auch alles vertraut ist.

Luxusprobleme, ich weiß.

Wie schön ist es eigentlich, zwei Orte zu haben, an denen Menschen sind, die man liebt. Zwei Orte, an denen man gerne lebt und an die man gerne zurückkommt. Nur bedeutet das eben auch: Wenn man an dem einen Ort ist, fehlt manchmal etwas vom anderen. Das merke ich hier gerade

Es ist hier schon immer etwas los. Ich bin unterwegs, treffe Menschen, verbringe Zeit mit meiner Familie. Aber dann komme ich zurück in unser großes Haus. Und plötzlich ist es still.

Normalerweise kann ich wirklich gut alleine sein. Ich brauche sogar Zeiten für mich und genieße sie. Aber hier fühlt sich das Alleinsein gerade anders an. Vielleicht weil dieses Haus für mich so sehr mit Familie verbunden ist. Mit meinem Mann. Mit unseren Kindern. Mit einem Leben, in dem hier einmal sechs Menschen gleichzeitig gewohnt haben und es wahrscheinlich nur sehr selten wirklich still war.

Und jetzt sitze ich abends alleine hier. Das fühlt sich tatsächlich ein bisschen einsam an. Komisch. Kenne ich so von mir gar nicht.

Vielleicht verändert sich Heimat einfach im Laufe eines Lebens. Vielleicht ist sie irgendwann nicht mehr nur ein Ort. Vielleicht verteilt sie sich auf Menschen, Häuser, Erinnerungen und ganz unterschiedliche Flecken dieser Welt. Und vielleicht ist genau das gerade mein Gefühl: Ich habe nicht mehr nur ein Zuhause.

Ich habe zwei.

Und egal, in welchem ich gerade bin, ein kleines Stück von mir ist manchmal auch im anderen.

hm

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