Zwischen Bequemlichkeit und Abenteuer
„Wie wäre es, wenn wir heute zur Quelle fahren?“, fragte ich meinen Mann Samstag früh.
Wir hatten 39. Hochzeitstag. Auf Restaurant hatten wir keine Lust, abends sollte es Garnelen geben. Die kann mein Mann besonders gut. Und dann kam mir die Idee: Wieso eigentlich nur abends schön essen? Wir könnten doch einfach mal einen Ausflug machen.
Mein Mann und ich sind da nämlich ziemlich oft einfach sehr bequem. Ausflug heißt: Cali packen, Essen vorbereiten, lange Fahrt … Da ist es oft viel einfacher, gemütlich zu Hause zu bleiben. Das Meer haben wir ja quasi vor der Haustür. Eigentlich Ausflug genug.
Aber weil es Samstag ziemlich wellig war, wussten wir, dass eine Bootfahrt nicht infrage kommt. Und an den Strand kommt mein Mann nicht mit.
Wieso also nicht einfach mal einen richtigen Ausflug machen?
„Die Quelle“ ist ein Ort, an dem wir das letzte Mal vor 26 Jahren waren. Früher sind wir mit unseren Kindern einmal im Jahr dorthin gefahren. Ein magischer Ort. Eine tiefe Quelle mit kristallklarem Wasser, ein Wald, ein kleiner Fluss. Einfach Idylle.
Vor 26 Jahren war Julian mit dabei. Ein Foto von ihm, wo er mit seinem Bruder auf einem Felsen steht hängt bei uns an der Wand. Eine Woche später ist er gestorben.
Eine ganze Weile konnten wir nicht mehr hinfahren. Aber in den letzten Jahren habe ich es schon öfter mal vorgeschlagen. Selbst unsere Kinder wollten immer mal wieder hin, weil sie diesen Ort so schön in Erinnerung hatten. Aber irgendwie siegte auch bei ihnen immer die Bequemlichkeit.
Naja, jetzt stand dieser Vorschlag im Raum.
Mein Mann hatte keine große Lust. Ich eigentlich auch nicht. Aber nach ungefähr 20 Minuten Überlegung und Diskussion haben wir uns tatsächlich aufgerafft. Badetücher, Picknickdecke, Essen und Trinken zusammengepackt und losgefahren.
Nach anderthalb Stunden waren wir da.
Die Quelle selbst hat sich kaum verändert. Aber das ganze Drumherum. Mittlerweile gibt es einen Spielplatz, zwei Bars, an denen man auch essen kann, Picknickbänke und Tische und einen Weg am Fluss entlang. Und es ist immer noch wunderschön.


Wir haben gepicknickt, uns die Quelle angeschaut, Fotos gemacht und Erinnerungen ausgekramt. Sind am Fluss entlangspaziert, haben ein Stück Wiese gefunden, unsere Decke ausgebreitet und ein bisschen ausgeruht. Wir haben Karten gespielt, uns im Wasser abgekühlt, an der Bar etwas getrunken und mit dem Hund gespielt.
Auf dem Rückweg waren wir noch ein bisschen in Nuoro bummeln, in Macomer im Supermarkt und abends haben wir zu Hause den Grill angeschmissen.
Ich glaube, wir hatten noch nie einen so schönen Hochzeitstag wie diesen. Nächstes Jahr werden es 40 Jahre. Mal sehen, was wir da machen.
Ich glaube, in vielen von uns steckt die Sehnsucht danach, etwas zu erleben. Rauszukommen. Neues oder längst Vergessenes zu entdecken. Und gleichzeitig diese Bequemlichkeit, die sagt: Ach komm, zu Hause ist es doch auch schön.
Manchmal braucht es nur diese 20 Minuten, in denen man sich überwindet und einfach losfährt. Und hinterher denkt man: Wie gut, dass wir es gemacht haben. Das nennt man wohl Leben.
hm